Einmal Roccia-Melone und zurück: GTA Etappen 22-25, Lanzo-Täler (August 2003)


Erster Teil

Zweiter Teil

    Teil 3

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  1. Tag: Vom Ref. Averole (2229) zum Rif. Gastaldi (2659), AsF Nr. 13.3 Etappe 2, Aufstieg 881, Abstieg 451, 4.00 Std. (Schwierigkeit EE)

    Aufstieg durch die eine steile, von der Hütte aus einsehbare Bachkerbe. Oben treibe ich Schafe vor mir her, die nicht seitwärts ausweichen, bis zum Gletscherrand. Gute Markierung, allerdings verläuft der Weg nicht, wie auf der AsF-Karte eingezeichnet, am linken Talrand entlang: Über Gletscherschliffe hält man sich immer mehr Richtung Talmitte (Steinmänner), findet so die flachste Stelle zum Besteigen des Eises und hat gleichzeitig einen spaltenfreien Weg.
    Das Foto rechts ist vom Pass (3012) aus aufgenommen Richtung Süden. Es zeigt den weiteren Verlauf des Gletschers, hier geht man, wenn man statt zum Col d'Arnas sich rechts hält, um etwa die Pointe Marie zu besteigen. Diese ist der beliebteste Gipfel von Averole aus. Das junge Paar von gestern Abend ist heute morgen früh dahin aufgebrochen. Oben sei etwas Kletterei nötig, „C'est du deux“, und, weil es ihre erste Tour war: „Un bon sommet d'initiation“,- hatte der erfahrene Bergsteiger ihnen gesagt.

    Beim Abstieg verhaspele ich mich genauso im Schutt wie das Paar im Vulpot,- aber dank guter Sicht kann ich durch die Geröll- und Blockfelder hindurch den kleinen See anpeilen, an dem ich erwartungsgemäß den von Cibrario kommenden Pfad finde. Ich schaffe es dennoch, im folgenden Schrofenstück abermals den Weg zu verlieren. Das stört mich erst mal nicht, weil es so scheint, als könne ich nun sowieso geradewegs ins Tal absteigen. Das Gelände wird aber steiler, da könnte ein Abbruch kommen, also halte ich mich rechts in Richtung eines Schutthanges. Als ich an einer Stelle zögere,- runter oder auf schmalem Tritt seitwärts zum Schutthang, stehen dort plötzlich drei Wanderer, die meine Situation überblickend mir bedeuten, unbedingt seitwärts zu gehen. Sie bleiben noch gebannt stehen, bis ich die heiklen Tritte hinter mir habe, sind dann aber, als ich endlich ganz „an Land“ bin, schon außer Sicht- und Danksagungsweite. Erschienen und verschwunden wie Schutzengel! Gegen Mittag Ankunft im schönen Rifugio.
    Foto rechts: Blick von Hüttennähe zurück auf den Pass (unter dem Gletscher), links vom Pass die Pointe Marie. Man sieht: Vom Pass aus erst recht steil in Schutt, dann in Blockfeldhügelland. Unter dem eher flachen Grasstück in der nicht einsehbaren Kerbe das Schrofenstück, in dem mir die Engel erschienen.


Arnas-Gletscher, Arberon Arnas (3554), links Sündgrat der Pointe Marie


Pyramide: Pointe Marie (3315), Arnas-Gletscher und Col d'Arnas (3015)



Im Gastaldi erfahre ich, dass unten im Citta di Cirie kein Platz mehr sei. Wäre besser gewesen, heute noch dahin abzsteigen, sonst wird morgen der Tag so groß.
In der Sonne vor der Hütte scherzen mit einigen älteren Italienern. Einer sagt, ich solle im Hotel in Forno Alpi Graie der Signora Justina einen schönen Gruß von Beppo aus Pialpetta ausrichten, sie solle mir einen guten Preis machen, wir Rucksackleute bräuchten das.

Den größten Teil des Nachmittags habe ich auf dem auf der Karte mit Rocca Turo (Belverdere) bezeichneten Hügel verbracht.


Rif Gastaldi (2658) vom Rocca Turo aus, P.Pareis (3301) , die Felswand ist über 500 m hoch.


Bessanese (3592) mit gleichnamigem Gletscher. Der hier nicht sichtbare Passo Colerin ist nicht ohne Seil zu begehen. Im Vordergrund Gipfelkreuz des Belvedere (Rocca Turo 2756).

Dort ein älterer Turiner, begleitet von einem Jüngeren, der ihn offenbar hergefahren hat. Wir drei sind in bester Laune. Wetter und Aussicht bestens. Früher war hier alles vergletschert, sagt der Alte. Und: Auf all diesen Gipfeln bin ich in meiner Jugend gewesen, Ciamarella Parete Nord (oder so), incredible, ma l'ho fatto. Incredible. Wenn man jung ist, macht man das halt! Wir entdecken ein Steinbockrudel ganz nahe bei uns, tauschen Ferngläser aus. Blick ins Tal, den Pian della Musa, den morgigen Anstieg kann ich restlos überblicken. Una Jornata phantastica,- darin stimmen wir überein. Als die Italiener losziehen wollen, hat sich die Sohle vom billigen Schuh des Alten gelöst. Ich solle bloß nicht lachen! Er muss auf der dünnen und glatten Brandsohle den langen und heiklen Rückweg ins Tal (800 Höhenmeter) antreten. Der Jüngere ist's zufrieden, jetzt laufe der Alte (fast 80 Jahre alt) ihm wenigstens nicht mehr davon....

  1. Tag: Vom Rif. Gastaldi (2659) über Pian della Musa (1859) und Ghicet di Sea (2750) nach Forno Alpi Graie (1220) AsF Nr. 13.5 Etappe 2 und Nr. 13.6 Etappe 1, Aufstieg 696, Abstieg 2390, 7.30 Stunden, von Ghiclet de Sea bis Alpe de Sea für Erfahrene

    Na, wenn mein Knie diesen Tag mit über 2000 m Abstieg übersteht...! Früher Aufbruch, vor dem 2. Abstieg muss ich eine gute Pause machen. Vom Hüttenpfad aus suche ich mit den Augen den links liegenden Rocca Turo ab, da müssten doch die Steinböcke von gestern sein. Nichts, aber plötzlich rechts von mir ein verärgerter Ton, und dann war der Knabe auf dem Foto so nett, mir Zeit zum Absetzen des Rucksacks, Hervorkramen der Kamera zu geben, und er postierte sich auch noch einigemaßen gegen den blauen Himnmel.
    Der Hüttenweg war äußerst holprig, mit abgerutschten Stellen und steilen Steinstücken, ich musste an den Turiner mit seinem kaputten Schuh denken. Gegen 8.00 Uhr war ich unten am Rif. Citta di Cirie (1867) und ließ mir Wasser geben. Einfacher Aufstieg zum Pass, teilweise war ich noch früh genug, um im Schatten zu gehen. Oben (Ghicet di Sea, 2759) ahmte ich einen jungen Italiener nach und stieg links des Passes auf eine Aussichtsanhöhe. Von da die Fotos der Südkette des Paradiso-Massivs geschossen. Es war früh am Mittag. Zeit für eine Pause.








    Gran Paradiso (4061), bei der mittleren Wolke wohl Torre S. Pietro (3692). Die Vordergrundkette trennt das Valle Locana (Ceresole) vom Orco-Tal (Pialpetta, Forno Alpe Graie). An der tiefsten Stelle rechts wohl der Colle di Crocette vom 1. Tag, links im Schattenfleck der Colle della Piccola (2725) vom morgigen Tag.




    Vom Pass aus geht es erst einmal äußerst steil in einer noch mit Gras bewachsenen Rinne abwärts, und von da in einem Band, leicht auf und ab, wenig Höhe verlierend, in der Wand. An den tieferen Punkten waren jeweils Schuttrutschen zu queren, das Ganze erforderte Umsicht und ruhig-konzentruiertes Gemüt. Einmal begann ich bei einer der Rutschen abzusteigen, besann mich aber dann doch eines Besseren,- man muss dem Band folgen, bis es ganz zu Ende ist, am großen Schuttfeld, welches im Hintergrund des Fotos zu sehen ist.
    (Das Schuttfeld in Blickrichtung des Fotos aufsteigend scheint es einen Pfad zu geben der zum Bivacco Molino oberhalb von Balme führt). Mein Weg führte durch das große Geröllfeld abwärts. In der Mitte war auf einem großen Block ein überdimensionales Zeichen aufgemalt, bis dahin war alles klar, aber dann sah ich keine weitere Markierung, stieg eine Weile weiter im Gerröll ab, und suchte und fand dann den markierten Pfad in den rötlichen Steinblöcken auf der absteigend rechten Seite des Geröllfeldes,- ich hätte schon früher queren müssen. Endlich kam ich am ersten Grün an, Erlengebüsch. Nun wurde der Weg aber erst richtig unangenehm,- man sah den Boden kaum, es ging in steilen Stufen auf nassem, glatten Stein oder Matsch durch das Gebüsch. Da es nicht enden wollte, begann ich langsam einen gewissen Freund Sch. zu verfluchen, der mir diesen Weg empfohlen hatte, vedammte Plackerei, und wie hatte der diesen Weg überhaupt geschafft,- wo er doch mit viel mehr Gepäck rumläuft. Bei so was soll man noch auf seine Kniee Rücksicht nehmen! Es nahm und nahm kein Ende,- schon lange waren die Almen in diesem wilden Gelände aufgelassen, entsprechend schlecht der Pfad. Schließlich an einem schönen Wasserfall,- dummerweise füllte ich meine Flasche hier nicht,- normalerweise gibt es das Wasser weiter unten immer noch.
    Im Flachen unten, 200 m von der Alpe di Sea entfernt, kam dann die verdiente Pause. Komischerweise war es nicht so leicht, an Wasser zu kommen. Der Hauptbach zu groß und schlecht zugänglich, und die Nebenbäche anscheinend hier unten alle unterirdisch. Schließlich dann den Hauptpfad des Tales, auf dem ich wieder Menschen traf oder einholte, zum Ort, Ankunft gegen 17.30 Uhr.
    Ein vornehmes Hotel. Ich genieße das gute Zimmer, die majestätische Art von Donna Justina. Eine idyllische Wiese mit Bäumen vor meinem Fenster.



    Dorfbesichtigung. Gegen 19.30 Uhr sind alle Leute auf der Hauptstraße. Jemand zeigt eine junge Viper in einer Botanisiertrommel herum. Dann sind alle verschwunden. Im Essraum des Hotels nur drei-vier andere Parteien. Der Koch erklärt das Menu.

  2. Tag: Von Forno Alpe Graie (1220) über Colle della Piccola (2705) nach Ceresole Reale (1501), Aufstieg 1485, Abstieg 1204, ca 7.00 Stunden, Aufstieg zum Colle della Piccola wenig begangen und teilweise schwer zu finden.

    Es ist noch früh, das Personal schläft noch. Donna Justina höchstpersönlich macht mir Frühstück. Für so viel Verständnis für meine Wanderbedürfnisse bin ich dankbar. Der sehr schöne Weg, anfangs eine Mulattiera, biegt in das Tal der Stura nach rechts ein. Dann zweigt mein Pfad rechts ab, frisch ins üppige Grün geschnitten und neu markiert. Man kommt zu einer verlassenen Alm, dann in ein Gelände mit Felsabbüchen oder Barrieren, in denen der Weg etwa auf gleicher Höhe bleibend nach links (Norden) verläuft, bis man im freien Gelände sozusagen in der Mitte des Tales steht. (Nichts davon kann ich auf der Karte wiedererkennen). Hier oben verstreute Almen. Von hier geht es erst nach rechts aufwärts, und dann, am steilen Grashang kann ich beim besten Willen die Fortsetzung des Weges nicht erkennen. Eine Pfadspur gibt es sowieso nicht, man muss immer das nächste Zeichen in der Wiese finden, und hier suche ich vergebens in alle Richtungen. So gehe ich den Hang gerade hoch,- der Pass muss ja oben zu finden sein. Es ist sehr steil und anstrengend. Oben dann eine Felswand, ich halte mich links, und sehe links oberhalb von mir etwas, das der Pass sein müsste. Es ist etwa 11.00 Uhr, und man hört schon Gewittergrummeln. Gut, vor Ausbruch des Gewitters durch die Felsen hindurch zu sein! Schlecht nur, dass ich immer noch nicht auf den Weg treffe, der müsste sich doch hier auch dem Pass nähern! Oder ist das da oben gar nicht der Pass? Ich quere ein mit Blöcken gefülltes Tal, kraxele auf einen seitenmöränenartigen Hügel, um zu sehen, ob es dahinter etwas gibt, was auch nach Pass aussieht. Ja, gibt es! Welcher ist nun der richtige? Ich treffe auf unmarkierte Pfade, und weiß nicht, in welcher Richtung ich sie durchlaufen soll, mehrmals diesen Hügel hoch und runter, und irgendwann entdecke ich ein Zeichen! Der „zweite“ scheint der richtige Pass zu sein. Ich kann dem Pfad zumindest so weit folgen, dass es eindeutig ist, dass er zum zweiten Pass führt, dass ich ihn nun mal verliere, ist nicht schlimm, ich hab den Pass vor Augen, und richtig, beim letzten Steilanstieg in Geröll finde ich wieder Markierungen. War nicht leicht zu finden, und die Sucherei hat mich gut eine Stunde gekostet. Auf der anderen Seite ist anfangs ebenfalls Umsicht angesagt, dann nach Karte gibt es mehrere Fels- oder Steilabbrüche, da ist man auf den genauen Weg angewiesen. Die Markierung ist spärlich, aber da, wo der Weg nach Karte sein sollte, etwa nach erstem kurzem Abstieg rechts, da ist er auch.





    Vor dem letzten steilen Stück sehe ich die ersten Spaziergänger, ich hab es geschafft. Pause soll an den schönen Seen sein, die ich unten erkenne. Dort kleine Idylle. Es ist wolkenverhangen, es wird auch sicher bald regnen, aber ich ziehe mich ganz aus und tauche einmal in dem See unter zum Schrecken zahlloser Kaulquappen. Vom zweiten der Dres“-Seen (Bild rechts, ca 2000 m) führt der Weg nicht mehr, wie auf der Karte, von dessen Nordufer an der rechten Bachseite ins Tal, sondern,- auch an diesem Nachmittag viel begangen, vom Westende an der linken Bachseite entlang. Schöner Blick auf einen weiteren, bereits ganz verlandeten See. Hm, man könnte über den Col de Nel (2569) zum Rif. Jervis gehen, aber, so leicht mir der Tag und die 1500 Meter Aufstieg gefallen waren, nun nochmal 500 Höhenmeter, möchte ich nicht.







    So durchquere ich nun zum dritten Mal diesen schönsten aller Zirbenwälder, diese Route ab Lago di Dres ist ganz besonders schön. Plötzlich naht mir das Ende der Wanderung zu schnell. Etwa 50 Meter oberhalb des Stausees ist eine etwa 30 Meter breite Terasse, die sich anscheinend fast durch den ganzen Wald zieht. Hier beginnt das Gewitter. Ich wickle mich in Regenzeug ein, und liege eine Zeit lang genussvoll im Grün, gehe dann aber doch runter, treffe auf den Wegweiser am Startpunkt und reserviere eine Nacht im Fonti Minerali. Mit dem Auto erkunde ich das grandiose Talende. Der Wirt unterhält sich mit mir sehr nett, schaut mit mir in Karten und schenkt mir einen kleinen Wanderführer des CAI. Es gibt hier noch viel zu erkunden.

    Übrigens findet man zur Zeit, wenn man bei Google Forno Alpi Graie angibt, eine Wanderroutenbeschreibung wohl eines kommerziellen Anbieters aus Florenz: Die Route entsprich ab Roccia-Melone exakt meinem Weg und meinen Stopps, inklusive Abstecher nach Frankreich,- nur ab Tazetti gingen die, was ich für eine gute Idee halte, direkt zum Col Autaret.



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