Etappe 1 der VAV


Abmarsch etwa 7.00 Uhr. Die beiden Ärzte waren eine halbe Stunde früher losgekommen. Den Pfad hoch zur Btta verloren wir bald, trotz Markierung, war im Almgelände aber egal. Bewölkt, Nebel oder tief hängende Wolken vor der Btta. Nach ihr dann den Pfad an der linken Hangseite, nun gute Markierung. Bereits dieser Pfad hatte bald recht unangenehme Stellen, etwa relativ steilschräge Platten, und ich wusste nie, ob meine Schuhe darauf rutschen würden oder nicht.

Der Hang wird immer steiler, und dann in Serpentinen hoch auf den Grat. Dieser war zunächst, wie W. vorausgesagt hatte, oben plattig verwittert, 1 bis 2 Meter breit. Das ging ganz gut. Ich glaube, erst nach dem Poncione di Piotta änderte sich das: die Gratspitze bestand aus eiförmigen Spitzen, darauf konnte man nicht mehr gehen. Genau hier holten wir die beiden Ärzte ein, was mir ein großer Trost war. Man musste etwa 2 Meter runterklettern, und dann kamen noch endlos viele Kletterstellen. Hier muss ich W. sehr loben. Kaum jemand könnte versichernder und beruhigender sein. An schwierigen Stellen abwärts kletterte er meist vor, und konnte mir oder auch der Ärztin dann sagen, wohin die Füße setzen. Wie gesagt, es folgte Kletterstelle auf Kletterstelle, und immer ging es 50 bis mehrere Hundert Meter auf beiden Seiten steil bis senkrecht ab. Ich bekam große Zweifel, ob es überhaupt vertretbar und vernünftig sei, das ich mich in eine solche Situation begebe. Aber an Rückweg war angesichts der nun immer mehr überstandenen brenzligen Stellen nicht zu denken. Jeztzt tut es mir leid, aber ich weigerte mich fast konstant, Fotos zu machen: Es wäre so lächerlich, erst ein Heldenfoto zu machen, und danach abzustürzen! Nicht einmal den Felspilz, der auf dem Grat steht und unter dem man sich vorbeidrücken muss, habe ich fotographiert. Wir hatten kaum Orientierung, wie weit wir waren, das heißt, wir hofften nach jedem kleinen Quergrat, wir hätten den Torno di Piotta nun geschafft, aber dem war lange nicht so.







Das Foto ist zeigt den Rückblick auf die Btta Gazzane. Man sieht das anheimelnde Wetter, die Sonne sollte den ganzen Tag nicht durchkommen. Das Gelände ist noch mäßig steil, der Pfad noch ziemlich ausgetreten.

Hier sieht man den plattigen Grat. Luftig, aber gehbar. Der Pfad umgeht zwar den Gipfel auf der rechten Seite, dennoch zeigen die Grashänge mit anschießendem Felsabsturz, was auf der VAV “sehr steiler Grashang” bedeutet.

Hier sieht alles leicht aus, fragt sich nur, weshalb W. sich dann so bückt...

Immer noch ist das Wetter nicht sicher.



Es gab nur zwei Arten von Weg: Fels und Stein, dann war oft Handeinsatz gefragt, und es war recht luftig, oder steiler Grashang, aber sehr steiler Grashang, an dem man auf keine Weise stolpern durfte. Zwar gut markiert (wir haben nur einmal nach Markierungen suchen müssen), aber kein richtiger Pfad, nur die Andeutung von Spuren in der Grasnarbe. Die Schlüsselstelle übrigens ist eine etwa 5 Meter lange schräge Platte mit 30 cm breitem Tritt am Ende. Man muss hier also geordnet runterkommen. Oben ist ein Haken angebracht, aber es hängt keine Kette drin. Man braucht hier ein eigenes Seil, wie es ja auch empfohlen wird. Die Ärzte hatten an dieser Stelle gerade ihr Seil durch die Öse gezogen, wir konnten es mitbenutzen. W. machte uns vor, wie man sich da runter “piazzt”.Es war fast die ganze Zeit bewölkt, ab und zu kamen die Schwaden von unten hochgeweht. Bitte auf keinen Fall Gewitter oder Regen! Wenn diese Steine nass und rutschig sind, können wir das gar nicht mehr gehen. Und W. war sehr langsam, während ich Angst vor Gewitter hatte und weiter wollte, brauchte er erst einmal eine gute Pause. Es war beruhigend, dass wir trotzdem immer wieder die Ärzte einholten. Er sagte immer nur: Das ist gigantisch! Sicher wäre bei strahlendem Wetter zwischendurch schon mal Hochstimmung bei mir aufgekommen, das war jetzt nur einmal kurz der Fall: Dauerhaft so hoch zu sein, über allen Tälern, es war ein Gefühl,- ja darf der Mensch das überhaupt?! 9 Stunden Konzentration ums Leben.

Erst am Ende des Grates, als alles in trockenen Tüchern war, traute ich mich, wieder zu fotographieren. Das Bild rechts zeigt in der linken Hälfte den Grat, der Weg befindet sich dort auf der eher grasigen Rückseite, und im Vordergrund den Abstieg, (Markierungen) der luftig wirkt, aber sicher nicht zu den schwersten Passagen gehört. 9 Stunden in so einem Geklände! Die letzten Schritte nochmal mit Tritten, paar Meter oberhalb Almgelände macht das nun wieder Spaß. Nun hab ich Nerv zu einem Heldenfoto.

Und 50 Meter unterhalb gehen gerade die beiden Ärzte.







W. macht etwas Pause oben, er ist kaputt und möchte, wenn es irgend geht, in Cornavosa übernachten. Die Stunde von da bis Fumegna will er sich ersparen. Ich eile den beiden Ärzten nach, etwa 20 Minuten durch Alm und Blöcke zur Alpe. Dort in schönstem Gras, gutes Wasser gab es auch, lange Pause und auf W. warten. Übernachten wird er hier nicht können. Erst zaghafte Anzeichen eines Baubeginns. W. brauchte nun seinerseits eine gute Pause. Er meinte, ich konne vorgehen, ich bin froh, dass ich es nicht gemacht habe. Der weitere Pfad nach Fumegna ist nicht trivial. Man ahnt ihn auf dem Bild rechts, er muss die Nase umrunden. Dort in den Schwarzerlen ist der Weg, kaum sichtbar, oft weggewaschen. Es gibt eine gut 2 Meter tiefe Stufe, diesmal mit Kette, usw. Erst die letzen zwei km sind harmlos.


Die Hütte sehr einfach: Man lebt mitten in der Familie der Älpler: Die alten Leute, aber auch die Tochter mit Familie ist nun im August hier oben. Wir benutzen ihr Bad, essen mit ihnen an einem Tisch (Reis oder Nudeln, darin etwas Pilze und Käse, was sie halt hier haben). Eine Flasche Wein können wir kaufen. Sie lassen alle zwei Wochen Vorräte mit einem Hubschrauber kommen. Das einzige Radio geht gerade kaputt. Ich zahle für uns beide am nächsten Tag 74 Euro. Im Schlafraum eine Reihe Etagenbetten, mit zusammengewürfelten Matrazen, Decken, Kissen. Zwei Enkelsöhne schlafen auch hier drin. So groß der Raum ist, bereits für uns vier ist es etwas eng.



Alles sehr freundlich. Schade, dass ich mit meinem “Pizzariaitalienisch” mich so wenig über ihre Lebensbedingungen unterhalten kann.



Am nächsten Morgen stürmischer Regen. Soll die nächsten Tage so bleiben. Zwei schweitzer Wanderer kommen gegen 10.00 Uhr an, sie sind bei diesem Wetter über den Pass aus dem Val di Lodrino gekommen! Nun wird es eng. Ich bin nicht unglücklich, dass wir abbrechen müssen. W. wiederum hätte hier einen Tag Pause gebraucht, sein Knie ist geschwollen. Als es ein wenig weniger Regen zu sein scheint, steigen wir ab. Auch diese 3 Stunden durch das Val Pincasca sind lohnend! Ich bin lange vor den anderen an der Bushaltestelle in Lavertezzo. Bus nach Tenero, von dort Zug nach Bellinzona. Im Zug die Gruppen, die einen Tag vor uns aufgebrochen waren, und so bis Efra gekommen sind. Junge, müde Gesichter. Ich mache für W. und mich in der Jugendherberge Quartier, fahre mit dem Bus nach Monte Carasso, hole das Auto. Am nächsten Tag bringe ich W. zum Bahnhof, er fährt in die Dolomiten, ich dann mit dem Auto heim. War bischen kurz dieses Jahr, aber dann eben mehr Zeit für die Arbeit am Stundenplan.

Und jetzt? Den “Wahnsinn” fortsetzen? Ist nun jede normale Wanderung banal? Oder lieber auf ein mir gewohntes Maß zurückstecken? Mal sehen...

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